Balvenie

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Dienstag, 11. Februar 2014

Joël Dicker - Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert

Marcus Goldman, ein junger, aber schon sehr erfolgreicher Schriftsteller, der in New York lebt und seines Ruhmes frönt, hat im Grunde nur zwei bemerkenswerte Probleme. Erstens, er hat keine Freundin und zweitens, er sitzt, geknebelt durch einen Vertrag mit seinem Verlag, in der Schreibfalle. Das bedeutet, dass er eine Schreibblockade hat und bis auf weiteres, sehr zum Leidwesen seines Verlegers Roy Barnasky, keinen neuen Roman zu Papier bringt. Da kommt der Kontakt zu seinem ehemaligen Mentor, Harry Quebert, vielleicht gerade recht.
Der ebenfalls erfolgreiche Schriftsteller und Professor lebt in dem kleinen amerikanischen Städtchen Aurora in New Hampshire und hat allerdings ein noch viel größeres Problem. In seinem Garten hat man soeben die Überreste der vor 33 Jahren verschwundenen, damals 15 Jahre alten Nola Kellergan gefunden. Bei der Leiche liegt das originale Manuskript von Queberts Beststeller „Der Ursprung des Übels“. Als Quebert zugibt, dass er damals als erwachsener Mann eine Art Liebesaffäre mit dem damals minderjährigen Mädchen gehabt hat, wird er verhaftet und wegen Mordes angeklagt.
Der einzige, der zu ihm hält, ist Marcus Goldman, der von der Unschuld seines großen Vorbildes überzeugt ist und deswegen auf eigene Faust anfängt, in diesem Fall zu ermitteln. Ganz nebenbei sind seine Ermittlungen der Stoff und Inhalt seines neuen Romans.

Das mag in der Beschreibung des Inhalts nach einer Spur von Klamauk klingen, ist es aber ganz und gar nicht. Der schweizerische, französisch sprechende Autor Joël Dicker hat hier einen Plot geschmiedet und dann offensichtlich fröhlich drauf los geschrieben. In ständigen Zeitraffern, hin und her, wird der Leser Zeuge von dem, was sich im Jahr 1975 wirklich zugetragen hat. Dabei werden die Wahrheiten scheibchenweise gelüftet, in Teilen aus verschiedenen Perspektiven der Protagonisten sogar mehrfach beschrieben, immer bis zu einem geeigneten Punkt, an dem eine Wendung im Fall angebracht scheint. Das ist unterhaltsam, manchmal spannend, allerdings nach über 700 Seiten auch überreizt. Spätestens dann sollte der Leser genug von den ganzen Drehungen und Windungen haben. Man möchte aufschreien und sagen „Jetzt ist es aber gut, raus mit der Sprache. Was ist denn nun die Wahrheit?“.
Es ist eine Mischung aus Krimi, Liebesgeschichte und auch ein Stück Gesellschaftsroman. Hinter der augenscheinlich glücklichen, aber dünnen Fassade des Kleinstadtbürgertums treten zahlreiche persönliche Tragödien zum Vorschein. Zwei Menschen, die einsam sind. In der heutigen Moderne bedeutet das tausende virtuelle Facebook-Freunde, aber keinen Einzigen zum Telefonieren. Ein Lehrer und ein Schüler, die beide durch Hochstapelei zu vermeintlichen „fabelhaften“ Stars wurden? Ein Provinzpolizist, der im wahrsten Sinn des Wortes über die Stränge schlägt. Erwachsene Männer in der High Society, die sich an minderjährigen Mädchen vergreifen? Männer, deren Mütter auf der anderen Seite fehl gelenkt sind und für die der Begriff „prüde“ vollkommen untertrieben wäre? Eltern in einem amerikanischen Kleinstadtmilieu, mit rassistischen Fantasien bei der Auswahl des Bräutigams für ihre Töchter.
Das Ganze liest sich locker weg, zwischen den Seiten 300 und 600 etwas zu langatmig, dafür aber auf der Zielgeraden mit rasantem Tempo und nochmals überraschenden, aber nachvollziehbaren Wendungen. So ein bisschen drängt sich mir allerdings die Frage auf, was denn nun der eigentliche Auslöser dafür war/ist, dass dieser Roman so ein großartiger Verkaufsschlager wurde. Am meisten muss man Joël Dicker wohl dafür danken, dass es ihm gelungen ist, endlich „Shades of Grey“ von der Bestsellerliste zu vertreiben. Eine Großtat! Ansonsten lautet auch meine Empfehlung: Lesen, sich recht ordentlich unterhalten fühlen, zuklappen und anschließend verschenken. Denn „man liest es kein zweites Mal“ (Elke Heidenreich im Literaturclub). Ein typischer, amerikanischer Unterhaltungsroman, von einem Europäer geschrieben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Gut, aber überbewertet!


ISBN-10: 3492056008
ISBN-13: 978-3492056007
736 Seiten
erschienen am 13. August 2013
übersetzt von Carina von Enzenberg
Piper Verlag