Balvenie

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Montag, 27. Januar 2014

Stephen King - Doctor Sleep

Eines ist verständlich: Wenn „Doctor Sleep“ als die Fortschreibung von „Shining“ angekündigt wird, dann provoziert das infolgedessen den Vergleich (Burkhard Müller in der Zeit v. 07.11.2013). Nach dem Lesen des neuen King weiß ich, dass man „Doctor Sleep“ nicht als bloße Fortschreibung ansehen darf. Zwischen „Shining“ und jetzt liegen über 35 Jahre, in denen nicht nur der kleine Danny Torrance erwachsen geworden ist, sondern auch der Autor älter und reifer. Zudem ist eine Veränderung und Entwicklung des Schriftstellers nicht zu übersehen. Und das ist gut so.

Die Handlung setzt drei Jahre nach der Explosion und der völligen Zerstörung des Hotel Overlook ein und vollzieht infolge mehrere Zeitsprünge, in denen Dan Torrance von einem aufgeweckten, mit „Shining“ ausgestatteten Jugendlichen zu einem Trinker und Landstreicher „avanciert“. Völlig dem Alkohol verfallen landet er in einer Kleinstadt, wo Danny als Mitglied der Anonymen Alkoholiker trocken wird, in einem Hospiz als Sterbegeleiter arbeitet und zudem für seine Tätigkeit liebevoll „Doctor Sleep“ genannt wird. Er hat sich also zum Positiven verändert, mit seinen hellseherischen Fähigkeiten ist er allerdings noch immer ausgestattet, ebenso kann er telepathisch kommunizieren.
Nicht weit entfernt wohnt ein Mädchen mit ein- und denselben Fähigkeiten namens Abra Stone. Dessen „Shining“ ist noch stärker, schon als Kleinkind lässt sie mit Gedankenkraft ein Klavier ertönen und Löffel von der Decke fliegen. Durch eine Tafel, die sich von Geisterhand mit Schriftzeichen füllt, machen Danny und Abra miteinander Bekanntschaft.
Und dann gibt es da noch den sog. „Wahren Knoten“, eine mörderische Sekte, deren Mitglieder man landläufig als Touristen bezeichnen würde und die mit ihren Wohnmobilen durch die USA reisen. An der Spitze der Gemeinschaft steht als Anführerin „Rose the hat“. In Wahrheit handelt es sich bei den Mitgliedern um nahezu Unsterbliche, die sich vom letzten Lebenshauch eines sterbenden Menschen, der das „Shining“ besitzt, ernähren. Ihre Nahrung nennen sie „Steam“ und um daran zu kommen, werden sie zu bestialischen Mördern.
Als Abra Stone mit ihren Fähigkeiten hinter das Schicksal von Bradley Trevor, einem jungen Baseballspieler, kommt, beginnt ein Katz- und Mausspiel zwischen Rose und Abra, in dessen Verlauf Danny immer weiter mit hinein gezogen wird…
Nun, Stephen King und seine „Horror“-Geschichten haben auch mich in jungen Jahren begleitet, einige Romane von ihm sind mir noch in Erinnerung und haben durchaus einen bleibenden Eindruck hinterlassen. „Shining“ aus dem Jahr 1977 und die Verfilmung von Stanley Kubrik 1980 sind für „Doctor Sleep“ nicht mehr als das Fundament. Während der Erstling auf viel Düsternis, Horror und Psycho setzte, so scheint in „Doctor Sleep“ mehr die Fantasy eine wichtige Rolle zu spielen. Spannend sind beide Romane, ganz ohne Frage. Betrachtet man inhaltliche Ausschnitte, so kann man den Eindruck gewinnen, dass es für Stephen King ein sehr persönliches Buch geworden ist. Die Anonymen Alkoholiker und ihr detailliertes 12-Punkte-Programm stammen ebenso aus dem Leben von Stephen King, wie das im Roman erworbene Kokain.
Gerade bei Fortsetzungsromanen mit großer zeitlicher Differenz spielen nur allzu oft auch monetäre Gründe eine große Rolle. Für „Doctor Sleep“ und Stephen King, auch wegen dessen Popularität, halte ich dies allerdings für abwegig. Man kann dem Autor also glauben, dass Fans und Leser, aber auch er sich selbst, oft fragen, was denn wohl aus dem kleinen Danny Torrance im Laufe der vielen Jahre geworden ist. Die Frage beantwortet King auf alle Fälle. Der Leser erfährt darüber hinaus, was aus dem Hotelkoch Hallorann geworden ist und welches Schicksal Dannys Mutter Wendy genommen hat. Und ein paar alte bekannte Geister dürfen sich auch noch mal sehen lassen, bevor sie in geistigen Schubladen für immer verschwinden. Ein sprachliches Wunderwerk war nicht zu erwarten und ehrlich gesagt auch nicht notwendig. Aber „Doctor Sleep“ ist spannend. Auch wenn so manche Passage für den einen oder anderen Leser etwas langatmig erscheinen dürfte und ein geübter King-Fan wohl einiges als Vorhersehbar bezeichnen wird, so habe ich nach vielen Jahren King-Abstinenz wieder viel Spaß und Freude beim Lesen von „Doctor Sleep“ gehabt.

ISBN-10: 3453268555
ISBN-13: 978-3453268555
706 Seiten
erschienen am 28. Oktober 2013
übersetzt von Bernhard Kleinschmidt
Heyne Verlag