Balvenie

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Samstag, 28. Dezember 2013

Friedrich Ani - M

Am 22. Januar verlässt der 54-jährige Taxifahrer Siegfried Denning die Wohnung seiner Geliebten, der Journalistin Mia Bischof, um seinen Nachtdienst anzutreten und bleibt anschließend verschwunden. Eine Woche später beauftragt Mia Bischof die Detektei Liebergesell, um nach dem Vermissten zu suchen. Viel mehr muss man zum Inhalt gar nicht schreiben. 


Zu diesem Zeitpunkt ahnt der Leser noch nicht, dass der in Kochel am See geborene und in München lebende Schriftsteller Friedrich Ani in diesem „Süden-Roman“ so politisch wie kaum zuvor werden wird. Denn dieses Mal taucht der Leser in die bayerische Neonazi-Szene ein. Aktueller denn je entwickelt sich bei der Suche nach Siegfried Denning ein Spiel mit Behinderungen zwischen der privat agierenden Detektei um Tabor Süden, der Mordkommission beim Polizeipräsidium München, dem bayerischen Landeskriminalamt und dem Verfassungsschutz. Ermittlungen, die jeder für sich selbst betreibt, taktischen Überlegungen, die dazu führen, dass wichtige Details unter den Tisch gekehrt werden und im schlimmsten Fall ein frühzeitiges und rechtzeitiges Einschreiten verhindern. Unbeirrt von jeglichen Maßnahmen der zuständigen Behörden können die Nazis in der bayerischen Landeshauptstadt ihr Treiben planen und durchführen. Dabei kommt frühzeitig die Frage auf: Was müssen wir tun, um am Ende nicht wieder so dazustehen, als hätten wir von nichts gewusst, noch dazu, wenn Menschen zu Schaden gekommen sind?

Ganz nebenbei beschreibt Ani auch Veränderungen in der Gesellschaft. Die Zahl der anonymen Beisetzungen steigt an, die Auftraggeber einer Detektei sind oftmals viel problematischer als die Zielpersonen. Ein Mann wohnt im Osten der Stadt, arbeitet im Norden und hat westlich des Mittleren Rings seine Stammkneipe. Er lässt seinen Hauptprotagonisten natürlich wieder am Rand des Erlaubten, und somit in der Illegalität, ermitteln. Spätestens hier ist klar, dass es eine brillante Idee des Schriftstellers war, den ehemaligen Ermittler bei der polizeilichen Vermisstenstelle nun als privaten Detektiv wieder auf den Plan zu rufen.

Diese Geschichte ist keine „Provinzposse“, sondern ein leise erzählter Krimi über Schicksale von Menschen und einem brutalen, „braunen“ Hintergrund, der politisch gesehen zwar Tatsache, aber eben auch eine Katastrophe ist. Eine Erzählung voller Menschlichkeit in einer ruhigen, aber sehr deutlichen Sprache. Ein wichtiges Meisterwerk, welches vollkommen zurecht ganz oben auf der deutschen Krimiliste steht. Abschließend lässt der Autor bei mir nur die Frage offen: Was bedeutet eigentlich „M“? München? Melancholie? Martin? Mia?


ISBN-10: 342619953X
ISBN-13: 978-3426199534
365 Seiten
erschienen am 01. Oktober 2013
Droemer Verlag