Balvenie

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Sonntag, 6. Oktober 2013

Friedrich Ani - Süden

Friedrich Ani, 1959 in Kochel/See geboren, ist ein Krimiautor, der die Großstadt liebt. So gesehen passt die von ihm erfundene Romanfigur Tabor Süden ins Leben. Tabor Süden, der in Taging aufgewachsen ist, sein Abitur gerade so geschafft hat und der, um dem Wehrdienst zu entfliehen, zur Polizei ging. Nach seiner Streifenzeit landete der Protagonist zunächst bei der Münchener Mordkommission, bevor er schließlich beim Kommissariat für Vermisstenfälle seinen Dienst versah. Das Wort „schließlich“ ist im Fall des neuen Romans von Friedrich Ani wörtlich zu nehmen, denn zum einen dauerte es sieben Jahre, bis es einen neuen Süden-Fall gab, zum anderen hatte sich die Hauptperson im Roman vor sieben Jahren freiwillig dem Dienst entsagt und war, man höre und staune, als gestandener Bayer in die Karnevalstadt Köln am Rhein gezogen. Und ganz ehrlich: Wenn sich ein bayerischer Kriminalbeamter freiwillig ins Preußenland begibt, dann ist es auch nicht absurd, dass sich ein gestandener Wirt aus einem geschichtsträchtigen Stadtteil der bayerischen Landeshauptstadt von einem Tag auf den anderen aus dem Staub macht, seine ratlose Frau zurück lässt und sich etliche, ehemalige Stammgäste nicht zusammen reimen können, warum und wieso der Inhaber der Gasträume plötzlich nicht mehr zugegen ist, geschweige denn, dass diese eine Vorstellung davon haben, wo sich der Gesuchte aufhalten könnte.

In Köln erhält Tabor Süden zwei Jahre nach dem Verschwinden von Raimund Zacherl einen seltsamen Anruf von seinem Vater, den er als Jugendlicher zuletzt gesehen und gesprochen hat. Denn bevor die beiden einen Treff- und Zeitpunkt verabreden können, ist die Leitung gekappt. Also begibt sich Süden in seine ehemalige Heimat, um seinen Vater im Großstadtdschungel zu finden. Und um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, dockt er als Freischaffender bei einer Detektei an und wird mit dem Vermisstenfall konfrontiert, den die Polizei schon lange zu den Akten gelegt hat.


Ani beschreibt mit fesselnden Dialogen die Wesen der täglich wiederkehrenden Stammgäste, zeigt den Unterschied zwischen hoheitlichen Handeln und dem eines „privaten“ Dienstleistungsgewerbes auf, da Süden als „schlichter“ Detektiv über keinerlei staatliche Befugnisse mehr verfügt. Im Zuge der Ermittlungen trifft Süden auf eine überforderte, allein erziehende Mutter, während der Vater dem Alkohol zutiefst verbunden ist. In teils lyrischen Wort- und Satzgebilden liest sich dieser Roman leicht und verständlich, ein ums andere Mal bringt uns der Autor den bayerischen Dialekt näher, so wie es für sich einen anständigen München-Krimi gehört, und lässt uns am Gewohnsheitstratsch des bayerischen "Boatzen-Gängers" teilhaben. Man braucht keine Toten in einem Roman, um Spannung zu erzeugen, denn Ani zieht die Story gekonnt so auf, dass der Leser ohne jeglichen Gewaltorgien genussvoll von Seite zu Seite voran schreitet, um so das vermeintliche Schicksal des vermissten Raimund Zacherl zu erfahren. Einzig völlig aus der Realität heraus geggriffen ist die Tatsache, dass es kaum Menschen gibt, die tatsächlich von einem nächtlichen Spaziergang zum Zigarettenautomaten nicht wieder auftauchen. Das sind Mythen und nichts anderes. Tolles Buch!


ISBN-10: 3426199076
ISBN-13: 978-3426199077
368 Seiten
erschienen am 14. März 2011
Droemer Verlag