Balvenie

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Donnerstag, 9. Juni 2011

Patrick Süßkind - Das Parfum

 

Wie sieht ein Kindsmord in Paris in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts aus? Jean Baptiste Grenouille kommt an einem Fischstand zur Welt, seine Mutter trennt die Nabelschnur und lässt den Säugling zwischen den Fischresten unterhalb des Tisches liegen. Das Kind trägt keinen Geruch an sich selbst, doch werden Düfte und Gerüche das weitere Leben bestimmen. Der ausgeprägte Geruchssinn des Protagonisten und das Streben zum größten und erfolgreichsten Parfumeur Frankreichs aufzusteigen, kostet Menschen das Leben und zeigt auf, wie ein Außenseiter in der Gesellschaft zu Ruhm und Ehre kommen kann, weil er mit seinem Schaffen andere bedient, die ausschließlich auf sich selbst bedacht und dazu bereit sind, zum eigenen Wohle über sog. Leichen zu gehen.

Der Autor lässt uns am Leben eines Außenseiters teilhaben, einem Menschen mit Fehlern, die sich aus den außergewöhnlichen Fähigkeiten des Geruchssinns ergeben. Ein von den Mitmenschen kaum feststellbarer Ehrgeiz und ein über das gewöhnliche Maß hinausgehendes Durchhaltevermögen treiben Grenouille an, seine Ziele zu erreichen. Wir tauchen ein in ein Paris, in dem Sklaverei von Menschen einer anderen Klasse als sozial adäquat galt und in dem sich der Status eines Menschen in der Gesellschaft aus allem ergibt, nur nicht aus eigener und ehrlicher Schaffenskraft. Sich mit fremden Federn zu schmücken ist nicht nur en vogue, sondern für viele die einzige Möglichkeit, sich Gehör und Anerkennung zu verschaffen.


Dieses Buch mag in weiten Teilen gesellschaftskritisch erscheinen, aber ich empfinde es nicht als Abrechnung mit der französischen Hauptstadt und den damals dort lebenden Menschen. Und noch weniger sehe ich „Das Parfum“ als einen historischen Roman. Die Gegebenheiten sind der notwendige Rahmen, um das kurze Leben von Grenouille auf beeindruckende Art und Weise darzustellen. Wie viele davon Fiktion sind? Keine Ahnung, aber hier werden auch Grenzen aufgezeigt, bei denen sich beim Überschreiten nachvollziehbar erklärt, warum jemand den Rückzug antritt, um sich in Einsamkeit und Abgeschiedenheit selbst zu reinigen. Das Parfum und der Geruchssinn, exemplarisch als Maske, hinter der sich eigentlich eine menschliche Tragödie abspielt, weil es anderweitig nicht möglich wäre, Anerkennung in der Gesellschaft zu finden.
 
Sprachlich kann ich diesen Roman nicht einordnen, es ist ein Spagat zwischen der Moderne des 20. Jahrhunderts (1985) und antiquarischen Sprachfetzen, insbesondere von Grenouille, aber auch von dem gemeinen Volk in Paris des 18. Jahrhunderts. Irgendwie erscheinen mir manche Begriffe mehr auf die Handlung zugeschnitten, als das die verwendete Sprache ein wirkliches Abbild dessen ist, wie man sich zur damaligen Zeit wirklich artikuliert hatte. 
Ich mache mir für gewöhnlich wenige Gedanken über Cover. Aber die Tatsache, dass sich auf der Vorderseite ein Ausschnitt aus dem Gemälde „Jupiter und Antiope“ von Antoine Watteau befindet, ist durchaus erwähnenswert, gilt die nackte Achsel der schlafenden Antiope doch als Sinnbild der duftenden Verführung (Quelle: wikipedia).

Fazit: Trüge jeder Krimi, denn immerhin beinhaltet dieser Roman den Zusatz „Die Geschichte eines Mörders“, so viele wichtige Aussagen in sich, dann wäre „Das Parfum“ von Patrick Süskind nichts Besonderes. So aber ist dieser Roman mehr als ein Krimi und Gesellschaftsroman. Es ist ein Stück Weltliteratur geworden!


ISBN-10: 9783257065404
ISBN-13: 978-3257065404
erstmals erschienen 1985
319 Seiten
Diogenes Verlag