Balvenie

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Donnerstag, 16. Juni 2011

Kerstin Ekman - Tagebuch eines Mörders

Kerstin Ekman, ohne Frage eine der bedeutendsten schwedischen Autoren, entführt den Leser in das Stockholm zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Eine Zeit, in der man mit der Konfirmation als erwachsen galt und in der die Psychiatrie noch „als moderne Modewissenschaft“ abgetan wurde. Wenn Frauen sich auf Stellen bewarben und somit dem männlichen Pendant diese streitig machten, so war „dies ein Ausdruck schlecht verwalteter Staatsfinanzen“. Die Tatsache, dass der schwedische Schriftsteller Hjalmar Söderberg für seinen Roman „Dr. Glas“ aus dem Jahr 1905 heftigste Kritiken hatte einstecken müssen, greift Kerstin Ekman hier als eine Art Einstieg und vor allen Dingen tatsächlichen Hintergrund auf (s. auch Kerstin Ekmans Nachbemerkung ab S. 240).


Pontus Revinge ist Arzt, ein mehr oder weniger schlechter Arzt, den sein Selbstbild trügt. Revinges niedergeschriebene Notizen sind das Tagebuch eines Mörders. Er trifft bei einem (erfundenen) Treffen mit dem Schriftsteller Hjalmar Söderberg diesem gegenüber die Aussage, dass eine Zyankali-Kapsel die Möglichkeit des perfekten, nicht aufklärbaren Mordes bietet. Und es gilt „Leben ist Handlung“. Und so tötet er selbst seinen Arbeitgeber mittels einer Zyankali-Kapsel, heiratet dessen Frau und Witwe und bekommt im weiteren Verlauf eine unüberwindbare, fast panische Angst vor einer Obduktion des Getöteten. Gepeinigt von dieser Angst ist Revinge fortan mit steigender Intensität und stetig zunehmenden Angst auf der Suche nach Moral und einer Antwort auf die Frage nach der Schuld für eigenes Handeln, denn er beging seine Tat mehr oder weniger „unabsichtlich“ und er ist sich nicht sicher, ob das, „was geschah, wert ist, Mord genannt zu werden“. Hinzu kommt, dass Pontus Revinge der festen Überzeugung ist, dass ihm Hjalmar Söderberg für seinen Tipp für dessen Roman  zu Dank verpflichtet ist. Es scheint absurd, wie seine spätere Erwartungshaltung ist. 
 
Dieses Buch ist AUCH ein Krimi und es bleibt bis zuletzt offen, ob dieser Fall geklärt wird oder nicht. Doch die Aufzeichnungen von Revinge sind mehr als das. Sie sind ein Psychogramm eines Menschen, der nach vielem strebt, kaum etwas auf dem für unser heutiges Verständnis gängigen Weg erreicht, der ein gestörtes Verhältnis zu erwachsenen Frauen hat, die Witwentochter jedoch liebt. „Eine Frau ist nichts anderes als eine blutende Wunde. Blutet diese nicht mehr, ist die Frau geschlechtslos“, so die brutale Sichtweise über Frauen und somit für den Leser in diesem Roman das Weltbild des Protagonisten von der weiblichen Zunft. Kerstin Ekman erleichtert es uns etwas, dies zu erkennen, da Revinge später mit der jungen, aber modernen Nachwuchsärztin Ida Tjenning konfrontiert wird, die ihm zwar auf die Schliche kommt, die Tat jedoch nicht beweisen kann.
 
Fazit: Die altmodische, jedoch nicht schwierige Sprache erfordert Aufmerksamkeit vom Leser. Und momentan habe ich das Gefühl, dass ich das Buch noch mindestens ein zweites Mal lesen muss und auch will, um noch mehr zu verstehen, was ausgedrückt und beschrieben werden sollte. Dieser Roman hat mich sehr beeindruckt. Dies ist ein großartiges Buch. Aber es ist für MICH auch ein literarisches Schwergewicht. Große und anspruchsvolle Literatur!


ISBN-10: 9783492054270
ISBN-13: 978-3492054270
erschienen im Februar 2011
256 Seiten
Piper Verlag